Fast jeder Ratgeber zur Auswahl von Lesebrillen beginnt auf die gleiche Weise: mit einer Tabelle. Im Alter von 40 bis 44 Jahren soll man angeblich mit +1,00 Dioptrien starten, zwischen 45 und 49 Jahren mit +1,50 Dioptrien – und so geht es Zeile für Zeile weiter, als würden Ihre Augen zuerst in den Kalender schauen, bevor sie entscheiden, wie gut sie noch fokussieren können.
Ganz nutzlos ist eine solche Tabelle nicht. Die Alterssichtigkeit schreitet tatsächlich mit zunehmendem Alter fort, und die angegebenen Werte beruhen auf realen Durchschnittswerten. Trotzdem beantwortet sie nicht die entscheidende Frage. Zwei 52-jährige Personen können deutlich unterschiedliche Sehstärken benötigen. Und selbst ein und dieselbe 52-jährige Person braucht für ein Taschenbuch oft eine andere Stärke als für einen Desktop-Bildschirm.
Welche Lesebrille wirklich zu Ihren Augen passt, hängt daher nicht in erster Linie von Ihrem Geburtsjahr ab. Entscheidend ist der Abstand – genauer gesagt: die Entfernungen, in denen Sie lesen oder andere Tätigkeiten im Nahbereich ausführen, und wie weit Ihre Augen ohne Unterstützung noch selbstständig scharfstellen können.
Wenn Sie den richtigen Leseabstand bestimmen, wird auch die Auswahl der passenden Lesebrillen deutlich einfacher. Deshalb beginnt dieser Ratgeber nicht mit Ihrem Alter, sondern mit einem Maßband.
Hinweis: Im Ausgangstext sind keine Preise oder Währungssymbole enthalten, daher war keine Umrechnung in Euro erforderlich.

Beginnen Sie mit den drei Distanzen
Bevor Sie Fassungen oder Sehstärken vergleichen, sollten Sie sich zwei Minuten Zeit nehmen und messen, wie Sie im Alltag tatsächlich lesen. Setzen Sie sich so hin, wie Sie es normalerweise tun, und bestimmen Sie drei Abstände:
Ihr Leseabstand bei Büchern: Halten Sie ein Taschenbuch oder Ihr Smartphone so, wie es sich für Sie natürlich anfühlt – nicht dort, wo Sie momentan am schärfsten sehen, sondern dort, wo Ihre Arme es bequem halten möchten. Bei den meisten Menschen liegt dieser Abstand zwischen etwa 35 und 40 cm. Wenn Sie das Buch inzwischen eher 50 cm oder weiter von sich weghalten, weil es in kürzerer Entfernung unscharf wird, notieren Sie auch das. Dieses zunehmende Wegschieben ist selbst bereits ein typisches Zeichen dafür, dass eine Lesebrille helfen kann.
Ihr Bildschirmabstand: Messen Sie den Abstand von Ihren Augen bis zu Ihrem wichtigsten Monitor. Ein Desktop-Bildschirm steht meist etwa 60 bis 75 cm entfernt – also fast doppelt so weit wie ein Buch. Genau deshalb ist diese Messung bei der Auswahl passender Lesebrillen so wichtig.
Ihr dritter Arbeitsabstand: Dieser ist individuell. Das können Noten auf einem Notenständer, ein Schneidebrett, eine Werkbank, eine Nähmaschine oder Preisschilder in Armlänge sein. Messen Sie den Abstand für die Naharbeit, die neben Büchern und Bildschirmen den größten Teil Ihres Alltags ausmacht.
Schreiben Sie alle drei Werte auf. Sie helfen Ihnen bei der Wahl der idealen Lesebrille mehr als jede Alterstabelle, denn Glasstärke und Fokussierabstand gehören unmittelbar zusammen. Je genauer Sie Ihre typischen Sehentfernungen kennen, desto leichter finden Sie Lesebrillen, die im Alltag wirklich zu Ihren Augen und Ihren Aufgaben passen.
Hinweis: Im Ausgangstext sind keine Preise oder Währungssymbole enthalten, daher war keine Umrechnung in Euro erforderlich.

Warum eine einzige Sehstärke nicht für alle Entfernungen geeignet ist
Die Stärke einer Lesebrille wird in Dioptrien angegeben – zum Beispiel +1,50 dpt oder +2,25 dpt, wie sie auf dem Etikett zu finden sind. Vereinfacht gesagt beschreibt eine Dioptrie die Brennweite einer Linse: Je höher der Wert, desto näher rückt der Bereich, in dem Sie scharf sehen. Aus diesem optischen Zusammenhang ergibt sich ein wichtiger Punkt, den viele Ratgeber über Lesebrillenübersehen – und der zugleich die häufigste Ursache für Unzufriedenheit mit Lesebrillen erklärt.
Je stärker die Sehstärke, desto näher liegt der optimale Fokus – und desto kleiner wird gleichzeitig der Bereich, in dem das Bild scharf bleibt. Eine Lesebrille mit +1,25 dpt bietet noch einen vergleichsweise großzügigen Schärfebereich. Eine +2,75 dpt hingegen ist präzise auf den typischen Leseabstand ausgelegt; alles, was deutlich weiter entfernt ist – etwa jenseits der Armlänge –, erscheint zunehmend unscharf. Das ist kein Mangel der Brille, sondern eine ganz normale Folge der Optik. Genau deshalb kann eine Stärke, mit der sich ein Buch hervorragend lesen lässt, für einen Computerbildschirm ungeeignet sein: Der Monitor befindet sich schlicht außerhalb des Entfernungsbereichs, für den eine stärkere Lesebrille optimiert ist.
Daraus ergibt sich eine einfache Faustregel: Wählen Sie die Stärke Ihrer Lesebrille immer entsprechend dem zuvor gemessenen Leseabstand. Je höher die Dioptrienzahl, desto spezifischer ist sie für einen bestimmten Arbeitsabstand ausgelegt. Für klassisches Lesen liegt die passende Stärke – abhängig von Ihren Augen – häufig zwischen +1,75 und +2,50 dpt. Für einen Desktop-Monitor genügt dagegen oft etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Stärke, die Sie zum Lesen eines Buches benötigen.
Liegen Ihre drei typischen Sehentfernungen – etwa Buch, Bildschirm und Hobby oder Beruf – weit auseinander, kann es durchaus sein, dass eine einzige Lesebrille nicht alle Anforderungen optimal erfüllt. Wer das von Anfang an weiß, vermeidet unnötige Fehlkäufe und muss nicht fälschlicherweise die Brille für ein eigentlich optisch bedingtes Verhalten verantwortlich machen.
Falls Sie vor Kurzem eine Augenuntersuchung durchführen lassen haben, müssen Sie die passende Stärke übrigens nicht selbst schätzen. Der ADD-Wert auf Ihrem Brillenrezept gibt die zusätzliche Nahkorrektur für die übliche Leseentfernung an und wird mithilfe präziser Messverfahren ermittelt – nicht durch bloßes Ausprobieren. Beim Online-Kauf von Lesebrillen ist dieser Wert eine der wichtigsten Informationen überhaupt. Er dient als verlässliche Grundlage und kann von einem Augenoptiker oder Händler problemlos angepasst werden, wenn Sie beispielsweise eine Lesebrille speziell für den größeren Abstand zu einem Computerbildschirm benötigen.

Was das Brillenregal nicht sieht: Ihre Augen sind nicht austauschbar
Fertige Lesebrillen von der Stange basieren auf Durchschnittswerten: Beide Gläser haben dieselbe Stärke, und der Pupillenabstand ist auf einen durchschnittlichen Augenabstand ausgelegt. Wenn Ihre Augen zufällig genau diesen Durchschnittswerten entsprechen, funktionieren solche Lesebrillen durchaus gut – und es gibt keinen Grund, sich über das Ersatzpaar in der Küchenschublade zu ärgern.
In der Realität sind unsere Augen jedoch nur selten vollkommen symmetrisch. Viele Menschen über 40 haben eine leicht unterschiedliche Sehstärke auf dem rechten und linken Auge. Hinzu kommt häufig eine geringe Hornhautverkrümmung (Astigmatismus), die mit den einfachen sphärischen Gläsern handelsüblicher Lesebrillen nicht korrigiert werden kann. Das schadet Ihren Augen zwar nicht, bedeutet aber, dass eine Standard-Lesebrille immer einen Kompromiss darstellt. Dieser macht sich oft erst im Laufe des Tages bemerkbar – etwa durch müde Augen, ein diffuses Gefühl, dass „irgendetwas nicht ganz stimmt“, oder dadurch, dass ein Auge dauerhaft mehr Arbeit leisten muss als das andere.
Genau hier spielen individuell angefertigte Lesebrillen ihre Vorteile aus – selbst dann, wenn sie preislich nur wenig über einfachen Standardmodellen liegen. Jede Lesebrille wird exakt auf die Sehstärke des jeweiligen Auges gefertigt, auf Ihren tatsächlichen Pupillenabstand zentriert und – sofern Ihr Brillenrezept es vorsieht – auch mit einer Korrektur der Hornhautverkrümmung ausgestattet.
Falls Sie bisher ausschließlich Lesebrillen von der Stange getragen haben und immer das Gefühl hatten, dass sie „fast passen“, liegt die Ursache häufig genau darin: Erst individuell angepasste Glasstärken für jedes Auge sorgen für den Sehkomfort, der mit Standard-Lesebrillen oft nicht erreicht wird.

Wann eine Lesebrille nicht mehr die richtige Wahl ist
Einstärken-Lesebrillen sind für eine Aufgabe nahezu perfekt: langes Lesen oder konzentriertes Arbeiten im Nahbereich bei einem konstanten Abstand. Für andere Sehaufgaben eignen sie sich dagegen nur eingeschränkt. Deshalb sieht man Träger einer Lesebrille oft über den oberen Brillenrand hinweg, wenn sie plötzlich in die Ferne schauen oder erkennen möchten, wer gerade den Raum betreten hat.
Wenn Ihnen bestimmte Situationen bekannt vorkommen, brauchen Sie meist keine „bessere“ Lesebrille – sondern den passenden Glastyp:
• Sie setzen Ihre Lesebrille ständig auf und wieder ab oder schieben sie zwischen verschiedenen Tätigkeiten auf den Kopf. Dieses ständige Wechseln ist ein typischer Fall für Bifokalgläser. Sie kombinieren Fernsicht im oberen Bereich mit einer Nahkorrektur im unteren Bereich – alles in einer einzigen Brille.
• Sie wechseln im Alltag ständig zwischen Computerbildschirm, Unterlagen und Ihrer Umgebung. In diesem Fall bieten Gleitsichtgläser die komfortabelste Lösung. Sie ermöglichen fließende Übergänge zwischen Nah-, Zwischen- und Fernbereich, ohne sichtbare Trennlinie und ohne den abrupten Wechsel, der bei einer Bifokalbrille entsteht.
• Sie arbeiten überwiegend am Bildschirm. Dann lohnt sich eine Lesebrille, deren Glasstärke speziell auf den Abstand zu Ihrem Monitor abgestimmt ist, statt auf den klassischen Leseabstand eines Buches. Verbringen Sie täglich viele Stunden vor digitalen Geräten, kann zusätzlich eine Blaulichtfilter-Beschichtung sinnvoll sein. Das Grundprinzip bleibt dasselbe – entscheidend ist lediglich die Arbeitsentfernung, die Sie zuvor gemessen haben.
Dabei gibt es keine allgemeingültig beste Lösung. Viele Menschen nutzen bewusst mehrere Lesebrillen für unterschiedliche Einsatzbereiche: eine stärkere Lesebrille für Romane oder Bücher, eine etwas schwächere für die Bildschirmarbeit und eine Gleitsichtbrille für den gesamten Alltag. Wer die passende Brille für die jeweilige Aufgabe wählt, profitiert meist von deutlich mehr Sehkomfort und weniger Augenbelastung.

Die richtige Fassung für Ihren Alltag mit der Lesebrille
Das Gestell einer Lesebrille muss deutlich mehr aushalten als das einer gewöhnlichen Brille. Lesebrillen werden ständig auf- und abgesetzt, zusammengeklappt, in die Tasche gesteckt, auf dem Nachttisch abgelegt oder ins Haar geschoben. Deshalb gibt es einige Ausstattungsmerkmale, die bei einer Lesebrille besonders wichtig sind.
Federscharniere sind eine der sinnvollsten Investitionen, da sie das häufige einhändige Auf- und Absetzen im Alltag deutlich besser verkraften. Verstellbare Nasenpads helfen dabei, die Position der Gläser exakt anzupassen. Das ist besonders wichtig, weil sich der Kopf beim Lesen leicht nach vorne neigt und schlecht sitzende Fassungen dadurch schnell verrutschen.
Auch das Gewicht spielt eine große Rolle, wenn Sie täglich mehrere Stunden lesen oder im Nahbereich arbeiten. Fassungen aus Titan oder TR90 sind besonders leicht und sitzen so angenehm, dass man sie oft kaum spürt. Kräftige Acetatfassungen sind zwar etwas schwerer, setzen dafür modische Akzente und machen die Lesebrille zu einem echten Blickfang.
Falls Sie später auf Gleitsichtgläser umsteigen möchten, sollten Sie bereits jetzt auf eine ausreichend hohe Fassung achten. Nur eine größere Glashöhe bietet genügend Platz für die drei Sehbereiche – Nähe, Zwischenbereich und Ferne. Sehr flache Fassungen schränken diese Möglichkeit häufig ein.
Ein weiterer Tipp, den viele langjährige Träger von Lesebrillen beherzigen: Kaufen Sie Ihre Lesebrillen nicht passend zu Ihrer Kleidung, sondern passend zu den Orten, an denen Sie sie benötigen. Ein Paar auf dem Schreibtisch, eines neben dem Bett und eines in der Handtasche oder im Rucksack spart im Alltag viel Zeit und Frust. Denn selbst die beste Lesebrille nützt wenig, wenn sie gerade im anderen Zimmer liegt.

Vor der Bestellung
Kurz zusammengefasst: Messen Sie zunächst Ihre typischen Sehentfernungen, nutzen Sie – sofern vorhanden – den ADD-Wert Ihrer aktuellen Sehstärkenbestimmung, lassen Sie die Stärke für jedes Auge individuell anpassen, statt sich mit identischen Gläsern zufriedenzugeben, und wählen Sie die passende Art der Lesebrille danach aus, wie Sie im Alltag tatsächlich zwischen verschiedenen Sehentfernungen wechseln.
Falls Sie Ihre benötigte Stärke ohne aktuelle Augenuntersuchung selbst einschätzen müssen, beginnen Sie lieber mit einer etwas niedrigeren Dioptrienzahl als mit einer zu hohen. Zu starke Lesebrillen zwingen Ihre Augen zu einem unnatürlich kurzen Leseabstand und führen häufig schneller zu Ermüdung als eine Lesebrille, die geringfügig zu schwach ausfällt.
Wichtig ist außerdem, die Grenzen von Lesebrillen zu kennen: Lesebrillen korrigieren die Alterssichtigkeit (Presbyopie), also die altersbedingte nachlassende Fähigkeit des Auges, im Nahbereich scharf zu stellen. Sie ersetzen jedoch keine augenärztliche Untersuchung und können keine Augenerkrankungen diagnostizieren.
Hat sich Ihr Nahsehen plötzlich verschlechtert, sieht nur ein Auge unscharf oder treten trotz verschiedener Glasstärken weiterhin Kopfschmerzen auf, sollten Sie vor dem Kauf einer Lesebrille unbedingt einen Termin bei einer Augenärztin, einem Augenarzt oder einem Augenoptiker vereinbaren. Eine aktuelle Sehstärkenbestimmung schließt nicht nur mögliche gesundheitliche Ursachen aus, sondern liefert auch die exakten Werte, mit denen sich Lesebrillen – unabhängig vom Anbieter – wesentlich präziser auswählen lassen als durch bloßes Ausprobieren.
Ihre Augen haben individuelle Messwerte. Eine Standard-Lesebrille von der Stange kennt diese Werte nicht. Jetzt wissen Sie, worauf es wirklich ankommt.
